Simon Rausch

Simon Rausch
Foto: F. Huber

Die absolute Freiheit spüren ...

Im Schlaf eröffnen sich für einen jungen Trostberger neue Dimensionen 

Fliegen können – ganz ohne technische Mittel – ist einer der ältesten Träume der Menschheit. Wer denkt, dass dies dem Menschen verwehrt sei, der irrt sich. Simon Rausch aus Trostberg fliegt regelmäßig, ohne Flugzeug, ohne Gleitschirm, einfach so – im Traum. 

Der Trostberger ist Oneironaut. Aus dem Griechischen übersetzt heißt dies „Traumreisender“. Der 28-jährige Chiemgauer hat gelernt, den Verlauf seiner Träume zu steuern und aktiv am Traumgeschehen teilzunehmen. Ein kontrollierter Traum nennt sich „Klartraum“ oder „luzider Traum“. Der Schlafende besitzt das volle Bewusstsein darüber, dass er träumt und die Umgebung im Traum nicht real ist. Das Traumgeschehen fühlt sich dennoch wirklich an. „Der Klartraum ist das Meer und Du bist der Steuermann, der das Schiff steuert“, zitiert Simon Rausch den Klar­träumer Robert Waggoner.

Entdecker wollte er als Kind werden. Heute erkundet er in seinen Klarträumen am liebsten unbekannte Orte, fremde Häuser, alte Dachböden. Auch Fliegen gehört dabei zu seinen Lieblingsaktivitäten. „Durch den Film ,Vanilla Sky‘ wurde ich im Jahr 2004 auf die Thematik des Klarträumens aufmerksam“, erzählt er. „Mich faszinierte die Idee, das Traumgeschehen unbegrenzt lenken zu können“. Anfangs war der junge Mann jedoch nicht von der Existenz luzider Träume überzeugt. Daher beschäftigte er sich zunächst nicht mehr weiter mit diesem Thema. Vor einigen Jahren fesselte ihn die Thematik jedoch erneut. Deshalb wälzte er Fachliteratur, meldete sich bei einschlägigen Internetforen an und begann, ein Traumtagebuch zu führen. „Ich erinnere mich ganz genau“, sagt Simon Rausch, „dass ich am 10. Januar 2011 – nach nicht ganz zwei Wochen – mit meinem ersten Klartraum belohnt wurde“. Bei seinen Recherchen erfuhr er, dass die Existenz von Klarträumen auf empirischen Tatsachen beruht. Sie wurde in den 1970er Jahren durch wissenschaftliche Tests bewiesen. Hierfür nutzte man einen simplen Mechanismus: Die Augen des Schlafenden bewegen sich in die Richtung, in die er im Traum blickt. Deshalb vereinbarten die Schlafforscher mit den Testpersonen einen komplexen, eindeutigen Wechsel der Blickrichtung, z.B. links, rechts, links, rechts, links, rechts, durch welchen die Testperson einen luziden Traum signalisieren sollte. Dies diente als Zeichen für die Kontrolle des Schlafenden über seine Handlungen im Traum. Trotz Schlafzustand, der mittels Beobachtung der Gehirnwellen festgestellt werden konnte, waren die Testpersonen in der Lage, kontrolliert das zuvor vereinbarte Signal zu senden. Dies ist während eines normalen Traumes nicht möglich, da der Träumende hier keine Kontrolle besitzt. Die Existenz luzider Träume ist somit keineswegs Einbildung, wie die Tests zeigen. Auch Simon Rausch hat sich solchen Tests schon mehrfach unterzogen. 

Der Grafikdesigner hat bereits zwei Handbücher verfasst, die interessierten Lesern die Thematik des Klarträumens näherbringen sollen. In Seminaren und Videokursen gibt er nebenberuflich all jenen Hilfestellung, die luzides Träumen ebenfalls erlernen wollen. Auch in dem Internetforum, das er betreibt, gibt er wertvolle Tipps. „Klarträumen ist theoretisch jedem möglich, der genug Motivation besitzt und ausreichend schläft“, ist der Trostberger überzeugt. Er führt seine luziden Träume durch sogenannte „Reality-Checks“ herbei, welche das Logikzentrum im Gehirn trainieren. Dieses ist im Schlaf deaktiviert. Daher träumt man z.B. von rosa Elefanten und fliegenden Nilpferden, ohne dass einem dies in dieser Situation komisch vorkommt. Bei seinen Reality-Checks hält sich Simon Rausch z.B. tagsüber mehrfach die Nase zu, lässt den Mund geschlossen und versucht einzuatmen. Im Wachzustand ist dies nicht möglich. Er verinnerlicht diese Handlung so sehr, dass er den Kontrollmechanismus auch im Traum anwendet. Aufgrund des hier fehlenden Logikverständnisses kann im Traum mit zugehaltener Nase und geschlossenem Mund geatmet werden. Dies ist ein Logikfehler. So weiß der Oneironaut, dass er gerade träumt. Dieses Bewusstsein kann dafür genutzt werden die Kontrolle zu übernehmen und in einen Klartraum überzugehen. Um diesen Zustand zuverlässig herbeiführen zu können, bedarf es jedoch einer gewissen Übung. Begeistert erzählt der gelernte Industriekaufmann, dass Klarträumen für jeden Menschen interessant sein kann. Dabei kann nämlich jedes beliebige Szenario erstellt werden, zu dem man genug Hintergrundinformationen besitzt. Das Geschehen im Klartraum setzt sich zusammen aus bereits Bekanntem und Erwartetem. Dies eröffnet unzählige Möglichkeiten, die sich positiv auf den Alltag auswirken. Motorische Fähigkeiten können trainiert werden, wie etwa Bewegungsabläufe beim Skifahren, aber auch Meditation ist möglich. Der Oneironaut betont, dass luzides Träumen sogar bei der Bewältigung psychischer Probleme und Phobien helfen kann. „Außerdem“, sagt er, „ist der Klartraum eine gute Möglichkeit dem Alltagstrott zu entfliehen.“ 

Da Simon Rausch beispielsweise weiß, wie sich warmer Sand anfühlt, wie Palmen aussehen, die sich im Wind wiegen und wie türkisblaues Wasser klingt, das bunte Muscheln ans Ufer spült, kann er eine Nacht Urlaub auf den Bahamas machen, ohne dafür auch nur einen Cent auszugeben. Das Beste daran ist: der Schlaf ist nicht minder erholsam. Der Trostberger legt jedem Menschen ans Herz, Klarträumen zu erlernen: „Nur hier kann man die absolute Freiheit spüren.“                                                                         

Isabella Kilian
(erschienen in Ausgabe 31, Juli 2016)

                   

 

 

 

 

 

 

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